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Wolfgang Behringers im Jahr 1998 erschienenes Standardwerk „Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung“ gilt als Meilenstein der historischen Forschung. Der Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit räumt darin schonungslos mit hartnäckigen Klischees auf. Das Buch hat den gesellschaftlichen Blick auf das Thema nachhaltig geprägt, indem es zeigt, dass Hexenverfolgungen in Europa kein finsteres Kirchenprojekt waren, sondern tief in den Krisen und Ängsten der einfachen Bevölkerung wurzelten.
3 zentrale Erkenntnisse aus dem Buch
Der Druck kam „von unten“: Entgegen populärer Mythen wurden die meisten Prozesse nicht von der Kirche oder dem Staat initiiert, sondern von der Landbevölkerung gefordert, die in Krisenzeiten nach Sündenböcken suchte.
Wetterextreme als Auslöser: Die schwersten europäischen Verfolgungswellen fielen exakt mit der „Kleinen Eiszeit“ zusammen. Unerklärliche Fröste und Missernten ließen den Glauben an „wettermachende“ Hexen explodieren.
Ein globales Gegenwartsproblem: Hexenglaube ist kein rein historisches oder europäisches Phänomen. Als psychologisches Mittel zur Erklärung von Unglück existiert er in vielen Kulturen bis in die Gegenwart – teils mit grausamen Folgen.
Für wen ist das Buch besonders interessant?
Geschichtsinteressierte, die populäre Märchen (wie die vermeintlichen neun Millionen Opfer) hinter sich lassen und die echten Fakten anhand solider Quellen verstehen wollen.
Psychologie- und Soziologiefans, die fasziniert davon sind, wie Massenpanik, Sündenbock-Mechanismen und kollektive Stressbewältigung funktionieren.
Gegenwartsbeobachter, die Parallelen zwischen historischen Krisen und heutigen Phänomenen wie dem modernen Esoterik-Boom oder Verschwörungsideologien suchen.
Was Du aus dem Buch mitnehmen kannst
Das wahre Zeitalter der Hexenjagden
Das Buch verortet die massenhafte Hexenverfolgung nicht im dunklen Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit, mit einem klaren Höhepunkt zwischen 1560 und 1630. Behringer entlarvt die Idee der „weisen Frauen“ ebenso als nachträgliche Erfindung der Romantik wie die völlig überzogenen Opferzahlen. Insgesamt fielen in Europa etwa 50.000 Menschen der legalen Verfolgung zum Opfer – schlimm genug, aber weit entfernt von den vielfach kolportierten Millionen oder einem beispiellosen „Gynozid“.
Wenn die Natur verrücktspielt: Die Klimakrise
Ein absolutes Aha-Erlebnis der Lektüre ist die enge Verbindung zur Umweltgeschichte. Behringer zeigt eindrucksvoll, wie die Kleine Eiszeit die vormoderne Gesellschaft in Panik versetzte. Ein verheerender Frosteinbruch im Mai 1626 vernichtete beispielsweise fast die gesamte Ernte in Mitteleuropa. Das Volk litt Hunger und suchte schuldige „Wetterhexen“. Die Brisanz: Oft war es die weltliche Obrigkeit oder hohe Justiz, die diese illegale Lynchjustiz eigentlich zu verhindern suchte, dem Druck der wütenden Massen aber aus politischem Kalkül irgendwann nachgab.
Die Hexe lebt weiter
Spannend ist der Ausblick auf die gesellschaftliche Relevanz im Hier und Jetzt. Das Buch macht deutlich, dass das Prinzip des magischen Sündenbocks nie ausgestorben ist. Von rezenten Antihexereibewegungen und Hexenmorden in Afrika oder Indien bis hin zum modernen, esoterisch umgedeuteten „Hexenkult“ im Westen (Wicca) – die Figur der Hexe bleibt eine universelle Projektionsfläche. Es regt stark dazu an, die menschliche Anfälligkeit für einfache Sündenbock-Erklärungen in komplexen Krisenzeiten kritisch zu hinterfragen.
Das Buch in einem Satz
Hexenverfolgung war kein Masterplan der Herrschenden, sondern eine von Lebensangst, Klimakrisen und Sündenbockdenken getriebene Massenpanik, deren psychologische Mechanismen in vielen Kulturen bis heute fortwirken.
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