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Das Buch „Wir Ostpreußen“ von Jochen Buchsteiner erschien als Originalausgabe im Jahr 2025. Buchsteiner, ein erfahrener Politischer Korrespondent, nimmt die handschriftlichen Erinnerungen seiner Großmutter Else an das Leben in Ostpreußen und die dramatische Flucht im Jahr 1945 als Ausgangspunkt. Das Werk wagt einen frischen Blick auf die deutsche Vergangenheit und beleuchtet die fast vergessene Provinz in ihrer kulturellen Einzigartigkeit und Tragik. Es dient als eine Familienerzählung, die ein breiteres, nationales Panorama der Entwurzelung abbildet, und thematisiert, inwiefern Ostpreußen als verdrängter Teil der nationalen Identität Deutschlands weiterwirkt.
3 zentrale Erkenntnisse aus dem Buch
Die exemplarische Tragik der Flucht und Vertreibung. Die Geschichte der Gutsbesitzerfamilie Buchsteiner, insbesondere der Großmutter Else, dient als Beispiel für das Schicksal von Millionen Deutschen, die eine aufwühlende Flucht und einen mühseligen Neuanfang durchlitten. Der detaillierte Bericht beschreibt die dramatische Flucht von Götzlack (Krutoi Jar) im Januar 1945 über das zugefrorene Frische Haff unter ständigem russischen Beschuss. Diese Erzählung macht das Leid deutscher Zivilisten als Teil der Nationalerzählung sichtbar, das lange Zeit als Fußnote des „Jahrhundertverbrechens“ behandelt wurde.
Der „Mythos Ostpreußen“ als unwiederbringlich versunkene Kulturlandschaft. Das Buch porträtiert Ostpreußen als historisch bedeutenden Ort, der die Wiege des preußischen Königreichs war und über Jahrhunderte eine multiethnische, kulturell reiche Gesellschaft mit einer deutsch-preußischen Leitkultur entwickelte. Die Region brachte Geistesgrößen wie Immanuel Kant hervor und pflegte eine einmalige Gutsbesitzerkultur, die nach dem Krieg durch Zerstörung und Vertreibung nahezu vollkommen verschwunden ist. Die Verankerung in Ostmitteleuropa prägte die deutsche Nation jahrhundertelang.
Das selektive Erinnern und die unausgeglichene nationale Identität. Jochen Buchsteiner kritisiert, dass Deutschland, obwohl als Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung bewundert, blinde Flecken aufweist, indem es die Geschichte der Flucht und Vertreibung nur unzureichend aufarbeitet. Die Verdrängung des Leids, welche oft aus Angst vor einer Relativierung der deutschen Täterrolle geschieht, hat zu einem verkürzten Blick auf die Vergangenheit und einem nationalen Selbstverständnis beigetragen, das „wenig Platz für Stolz oder Schmerz“ lässt. Das Buch regt dazu an, diese kollektiven Erfahrungen für eine stabilere nationale Identität anzunehmen.
Für wen ist das Buch besonders interessant?
Nachkommen von Flüchtlingen und Vertriebenen und ihre Familien. Für sie bietet das Werk eine umfassende historische Einordnung der oft nur bruchstückhaft überlieferten Familiengeschichten. Es kann helfen, das „beredte Schweigen“ der Großeltern- und Elterngeneration zu verstehen, die ihre traumatischen Erlebnisse verdrängten. Die Schilderung der mühseligen Integration in der „kalten Heimat“ kann zur Aufarbeitung transgenerationaler Erfahrungen beitragen.
Leser mit Interesse an deutscher und europäischer Zeitgeschichte und Politik. Das Buch liefert einen tiefen Einblick in ein verdrängtes Kapitel der deutschen Geschichte – die ethnische Säuberung der ehemaligen Ostgebiete – und analysiert die Ursachen und Folgen des selektiven Erinnerns. Es beleuchtet zudem die hochaktuelle geopolitische Bedeutung der Region Ostpreußen, die heute als russischer Vorposten an der Nahtstelle zur Nato liegt.
Kultur- und Regionalhistoriker sowie Interessierte an preußischem Erbe. Das Werk bietet eine detaillierte und historisch fundierte Beschreibung der gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des ostpreußischen Gutslebens. Es veranschaulicht den Wandel Ostpreußens von der Keimzelle der Großmacht Preußen zur „Weltbürgerrepublik“ um Kant und reflektiert den „Mythos Ostpreußen“.
Was Du aus dem Buch mitnehmen kannst
Einleitung: Die grüne Kladde als nationales Mosaik
Das Buch beginnt mit der „grünen Kladde“, dem handschriftlichen Bericht der Großmutter Else über das Leben in Ostpreußen und die dramatische Flucht im Winter 1945. Dieser persönliche Bericht, den Else erst mehr als fünf Jahrzehnte später zu Papier brachte, um das Interesse der Enkel über ihren eigenen Schmerz zu stellen, bildet das Fundament des Werks. Jochen Buchsteiner verwebt diese Familiengeschichte mit einem breiteren, nationalen Panorama und beleuchtet die historische und kulturelle Einzigartigkeit der fast vergessenen deutschen Provinz. Das Ziel ist es, ein dunkles Kapitel der nationalen Geschichte zu beleuchten und die Komplexität des deutschen Gedenkens an die Vertreibung – die im kollektiven Gedächtnis oft eine Randlage einnimmt – aufzuzeigen.
Vertiefung: Ungeheuerlichkeit und der verlorene Kosmos
Die Schilderungen der Flucht sind von großer Eindringlichkeit. Else musste das Gut Götzlack (Krutoi Jar) nach dem Tod ihres Mannes allein führen und organisierte im Januar 1945 die Evakuierung von 84 Menschen und 38 Pferden, während Gauleiter Erich Koch Fluchtvorbereitungen als Defätismus ahndete. Die Reise führte über das eisige Frische Haff, wo der Treck tagelang unter Artillerie- und Fliegerbeschuss stand, und ganze Wagen mit Menschen und Tieren im Eis versanken. Ein weiterer Höhepunkt der „Ungeheuerlichkeit“ war die Notwendigkeit, die treuen Pferde kaltblütig zu erschießen, damit sie nicht den Sowjets in die Hände fielen, was für die Flüchtlinge einem Verrat gleichkam. Das Buch beleuchtet auch den verlorenen ostpreußischen Kosmos der Güter Kukehnen (Ladoschskoje) und Götzlack sowie die Weltläufigkeit Königsbergs als geistiges Zentrum der Aufklärung und Geburtsort Kants.
Ausblick: Die Last der Vergangenheit und die Gegenwart
Buchsteiner zieht Parallelen zu gegenwärtigen Fluchtbewegungen und thematisiert, dass die Massenmigration nach 1945 in Deutschland aufgrund kultureller und sprachlicher Homogenität vergleichsweise erfolgreich integriert werden konnte. Er kritisiert jedoch, dass die Verdrängung des eigenen Leids in Deutschland zu einem Mangel an historischer Tiefe führen kann, die eine Nation zur Bewältigung schwerer Krisen benötigt. Das Buch endet mit dem Hinweis auf die Wiederkehr der Geopolitik: Die Region um Kaliningrad (Königsberg) ist heute als hochgerüsteter russischer Vorposten an der Nahtstelle von Nato und Russland zurück auf der Landkarte der Sicherheitspolitik, was die Geschichte Ostpreußens – das über Jahrhunderte Streitball verschiedener Nationen war – auf tragische Weise weiterdreht.
Das Buch in einem Satz
Basierend auf dem intimen Fluchtbericht einer Gutsbesitzerin aus Götzlack verwebt das Buch die Geschichte Ostpreußens von der kulturellen Blüte um Kant bis zur gewaltsamen Vertreibung, um die Relevanz dieser verlorenen Provinz für die heutige deutsche Identität und Geopolitik zu ergründen.
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