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Das Versagen – Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik von Katja Gloger und Georg Mascolo (Ullstein, 2025) ist eine tiefgehende und schonungslose Untersuchung der deutschen Politik gegenüber Wladimir Putins Russland über drei Jahrzehnte hinweg. Die Autoren, die mehrfach ausgezeichnete Russland-Expertin Katja Gloger und der führende Investigativjournalist Georg Mascolo, beleuchten anhand von bisher geheim gehaltenen Akten und Aussagen entscheidender Zeitzeugen die Bruchpunkte, an denen die Politik versagte. Das Buch rekonstruiert, wie deutsche Bundesregierungen trotz aktenkundiger Warnungen die verhängnisvolle und teure Abhängigkeit von russischem Gas immer weiter steigerten. Es leistet einen unverzichtbaren Beitrag zu jener Aufklärung, die bisher von allen Bundesregierungen verweigert wurde.
3 zentrale Erkenntnisse aus dem Buch
Die illusionäre Fehleinschätzung Putins als „lupenreiner Demokrat“: Die deutsche politische Klasse ignorierte oder verdrängte systematisch Putins Herkunft, Beruf und Berufung als Geheimdienstoffizier. Obwohl frühe Psychogramme ihn bereits 1999 als „zynischen und zutiefst nationalistisch denkenden Geheimdienstoffizier“ beschrieben, feierten deutsche Politiker ihn als „Enkel Gorbatschows“ und schenkten seinen Versprechen Glauben. Dies führte zu dem fatalen Irrtum, ihn als rationalen Akteur oder „Nutzenmaximierer“ zu sehen, obwohl er längst den Verlust der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe“ ansah.
Die Degeneration der Ostpolitik zur Gasabhängigkeit: Das Konzept des „Wandels durch Annäherung“ wurde von ökonomischen Interessen dominiert und degenerierte zu einem merkantilistischen Handelsprojekt. Trotz aller Warnungen vor hybrider Kriegsführung und dem geopolitischen Risiko wurde die Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland durch Projekte wie Nord Stream 1 und 2 massiv verstärkt. Dies wurde durch einflussreiche Netzwerke von Lobbyisten und ehemaligen Politikern wie Gerhard Schröder und Matthias Warnig vorangetrieben.
Die strategische Verweigerung von Abschreckung: Die deutsche Reaktion auf Putins Aggressionen (von Tschetschenien bis zur Krim) war von Zögerlichkeit und der Strategie des Dialogs geprägt. Die Entscheidung von Bukarest 2008, der Ukraine und Georgien den Nato-Mitgliedschafts-Aktionsplan (MAP) zu verwehren, wurde als vermeintlicher diplomatischer Sieg gefeiert, hinterließ die Länder jedoch in einem sicherheitspolitischen Schwebezustand und ebnete den Weg für Russlands revisionistische Aggression. Selbst nach 2014 hielt man am Dialog fest, während man zugleich militärische Abschreckung und eigene Verteidigungsfähigkeit vernachlässigte.
Für wen ist das Buch besonders interessant?
Politische Entscheidungsträger und Diplomaten: Das Buch bietet eine detaillierte Analyse der Entscheidungsfindung auf höchster Ebene in Deutschland, dem „größten außenpolitischen Versagen der Bundesrepublik“. Es enthält Einsichten aus dem Kanzleramt, dem Auswärtigen Amt und den Geheimdiensten, die aufzeigen, wie „gegen alle aktenkundigen Warnungen“ gehandelt wurde.
Wirtschaftslenker und Energieexperten: Die Leser erfahren, wie die Verflechtung von Geschäft und Politik (z. B. durch Klaus Mangold und Matthias Warnig) die strategischen Interessen Deutschlands beeinflusste und die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen zementierte. Die Darstellung der Nord Stream 2-Kontroverse als „Symbol und Chiffre einer Politik des Versagens“ ist besonders relevant.
Sicherheitsexperten und Militärstrategen: Die Leser erhalten Einblicke in Putins Nutzung hybrider Kriegsführung (Cyberangriffe wie der Bundestags-Hack, gezielte Morde) und erfahren, wie Deutschland (etwa durch die militärische Modernisierungspartnerschaft nach 2008) indirekt zur Stärkung der russischen Armee beigetragen hat.
Was Du aus dem Buch mitnehmen kannst
Die Bilanz der Illusionen
Das Buch entfaltet eine chronologische Darstellung der deutschen Russlandpolitik, die auf der fundamentalen Fehleinschätzung Putins als Partner beruhte. Beginnend mit dem Besuch Wladimir Putins im Bundestag 2001, wo er in fließendem Deutsch eine „neue Zeit“ des Friedens und der Kooperation versprach, beleuchten Gloger und Mascolo, wie diese Hoffnungen zur vorherrschenden Maxime wurden. Die Autoren legen offen, dass diese triumphale Rede in wesentlichen Teilen von deutschen Spitzenbeamten entworfen wurde, was die Bereitschaft der Deutschen zur Selbsttäuschung unterstreicht. Diese Illusion des „anderen Putin“ überdauerte trotz früher und deutlicher Anzeichen für seine autoritären und aggressiven Ambitionen, wie die brutale Kriegsführung in Tschetschenien.
KGB-Methoden und Gas-Profite
Ein zentraler Aha-Moment ist das Ausmaß, in dem Putins geheimdienstliche Denkweise die Politikgestaltung bestimmte. Die investigative Aufarbeitung enthüllt, dass er bereits 2001 als „Spezialist für den Umgang mit Menschen“ auftrat und deutsche Kanzler (Schröder und Merkel) mit kalkuliertem Charme und gezielten Gesten (z. B. Schlittenfahrt, Radeberger Pilsner) umgarnte. Die Abhängigkeit von russischem Gas wurde nicht als strategisches Risiko, sondern als Friedensgarant gesehen. Es wird detailliert dargelegt, wie die Bundesregierung die Risiken des Verkaufs großer Gasspeicher an Gazprom trotz Bedenken ignorierte, und wie die Gründung der Klima-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern als politisches Manöver diente, um US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu umgehen.
Die Verantwortung der Gegenwart
Die Autoren identifizieren ein strategisches Versagen der deutschen Russlandpolitik spätestens ab dem Krim-Jahr 2014. Die Erkenntnis, dass Putin seine Politik durch revisionistische und imperiale Erzählungen steuert (etwa die „historische Einheit der Russen und Ukrainer“), wurde in Berlin entweder nicht ernst genommen oder als taktisches Spiel abgetan. Das Buch mahnt, dass die Aufarbeitung dieses Versagens eine „Pflicht“ ist, um aus der historischen Verstrickung zu lernen und eine Außenpolitik zu gestalten, die die Realitäten der Bedrohung erkennt. Es geht um die zwingende Beantwortung der Frage, warum Deutschland in der „Strategie von Dialog und Abschreckung“ die Abschreckung vernachlässigte.
Das Buch in einem Satz
In dieser investigativen Chronik wird das jahrzehntelange Versagen der deutschen Russlandpolitik aufgedeckt, die trotz klarer Warnungen und Putins imperialer Ambitionen an Illusionen festhielt, was in verhängnisvoller Gasabhängigkeit und strategischer Blindheit gegenüber aggressiver Machtpolitik resultierte.
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