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Der Essay Angststillstand (Originalausgabe Oktober 2025) des profilierten Philosophen, Publizisten und Autors Richard David Precht analysiert eine tiefgreifende Krise der liberalen Demokratie: das alarmierende Schwinden der subjektiven Meinungsfreiheit in Deutschland. Precht, bekannt durch seine Bestseller und seine Rolle als Intellektueller im deutschsprachigen Raum, beleuchtet dieses Phänomen als historisch einmalig. Der Autor argumentiert, dass der Verlust an Freiheit nicht durch staatliche Repressionen erzwungen wird, sondern durch interne strukturelle Mechanismen der modernen Gesellschaft selbst entsteht. Precht schreibt den Essay aus der Sorge heraus, dass das Ignorieren dieses Problems weitaus gefährlicher sei, als es zu analysieren.
3 zentrale Erkenntnisse aus dem Buch
Der dramatische Einbruch der subjektiven Meinungsfreiheit: Trotz unveränderter liberaler Rechtsgrundsätze (Art. 5 GG) fühlen sich immer weniger Deutsche in der Lage, ihre Meinung frei zu äußern. Der Anteil sank laut Allensbach-Umfragen von über 80 Prozent auf nur noch 40 Prozent im Jahr 2023. Dies ist ein alarmierender Wert, da Meinungsfreiheit und Demokratie deckungsgleich sind, und der Grund dafür die Angst vor sozialer und medialer Inkriminierung ist, die bereits vor der juristischen Grenze zur Selbstzensur beginnt.
Die Gefahr der „Axolotlisierung“ der Gesellschaft: Precht beschreibt eine kulturelle Neotenie, die er als „Axolotlisierung“ bezeichnet, bei der moderne Menschen psychisch im Larvenstadium verharren und das Erwachsenwerden verzögern. Dieses Phänomen ist eng verknüpft mit der gesellschaftlichen Logik der Singularitäten, dem hohen Anspruch auf Authentizität und der dadurch bedingten erhöhten Verletzlichkeit. Eine Axolotlisierung führt zu maximaler Meinungsfreude bei gleichzeitig großer Orientierungslosigkeit.
Der Angststillstand als Folge der Normenexplosion: Durch das Seerosen-Dilemma – die wechselseitige Einschränkung individueller Freiheiten durch die Entfaltung singulärer Besonderheiten – entsteht eine Normenexplosion. Diese Hyper-Sensibilisierung und der resultierende Konformitätsdruck führen dazu, dass Toleranz in Intoleranz gegen Andersdenkende umschlägt. Die Angst vor Imageschaden und Beschämung führt schließlich zum „Angststillstand“ in Bereichen wie Politik und Kultur, in denen nicht mehr provoziert, sondern angepasst wird.
Für wen ist das Buch besonders interessant?
Verantwortungsträger in Politik und Medien: Sie sollten verstehen, dass sie oft Getriebene der gesellschaftlichen Sensibilisierungsentwicklung sind und nicht nur die souveränen Akteure. Insbesondere die Analyse der „Drinnen-Draußen-Arena“ und der Rolle der Leitmedien bei der Normierung des gesellschaftlichen Konsenses ist für sie unerlässlich.
Wissenschaftler und Akademiker: Das Buch hinterfragt die weitgehende Tabuisierung des Freiheitsschwunds in der Wissenschaft und bietet eine differenzierte Sichtweise jenseits des einfachen “Gut gegen Böse”-Schemas. Es regt an, die Schattenseiten fortschrittlicher und emanzipatorischer Entwicklungen zu analysieren, über die bisher zu wenig nachgedacht wurde.
Kulturschaffende und Künstler: Angesichts des diagnostizierten Angststillstands in der Kunst und der Kultur, beleuchtet das Werk, wie die Furcht vor Verletzung und Anprangerung die Provokationsfähigkeit und damit die DNA der modernen Kunst zerstört. Die detaillierte Darstellung von Cancel-Fällen (z. B. Winnetou, Nemi El-Hassan, Thilo Mischke) zeigt die Mechanismen der digitalen Schamkultur.
Was Du aus dem Buch mitnehmen kannst
Die neue Angst in der Demokratie
Prechts Essay analysiert die beunruhigende Tatsache, dass die subjektive Meinungsfreiheit in Deutschland massiv schwindet. Dieser Rückgang, der sich durch die Covid-19-Pandemie heftig beschleunigt hat, ist beispiellos in der Geschichte liberaler Demokratien, weil er nicht von oben durch Gesetze oder Repressionen kommt. Vielmehr ist es die Angst vor negativen Konsequenzen auf sozialer und medialer Ebene, die Bürger zur Selbstzensur zwingt. Precht sieht darin eine direkte Bedrohung der Demokratie, denn diese lebt vom möglichst freien Wettbewerb der Meinungen. Der Essay widerlegt dabei die vereinfachende Vorstellung, es handele sich lediglich um einen Kampf zwischen moralisch progressiven und konservativen Lagern. Stattdessen sind es neue, interne strukturelle Mechanismen der liberalen Gesellschaft, die den Diskurs verengen.
Die axolotlisierte Gesellschaft und ihr Preis
Der Philosoph erklärt den Wandel der Gesellschaft vom Ideal des Allgemeinen hin zur „sozialen Logik der Singularitäten“. In dieser Ära des kulturellen Kapitalismus inszeniert sich das Individuum als einzigartiges Produkt und strebt nach maximaler Anerkennung und Authentizität. Diese psychische Entwicklung nennt Precht “Axolotlisierung” (kulturelle Neotenie), da der Mensch in einer Überflussgesellschaft im Zustand maximaler Ich-Bezogenheit und Verletzlichkeit verharrt. Wenn Gefühle zur umkämpften Realität der Individuen werden, führt die zunehmende Sensibilität zum Seerosen-Dilemma: Der Freiraum für kontroverse öffentliche Meinungen schrumpft, weil Überempfindlichkeit belohnt wird. Die Folge ist die „Tyrannei der öffentlichen Meinung“ (Tocqueville), bei der Medien und Politik die Spirale der Empörungskultur und Beschämung mitspielen und so den Angststillstand weiter befeuern. Selbst satirische oder harmlose Äußerungen können zur Strafverfolgung führen (”Schwachkopf”-Affäre), was ein Signal für die puritanische Erwartungshaltung an unbefleckte Biografien ist.
Für eine Kultur der Gelassenheit
Das Buch schließt mit dem Appell, sich dem Tabu des Freiheitsverlusts entgegenzustellen, um eine Gegenkultur der Resilienz zu schaffen. Precht kritisiert staatliche Versuche, wie das Vorgehen gegen „Desinformation“, da solche Kategorien zum Missbrauch einladen und eher zu autoritären Regimes als zu liberalen Demokratien passen. Der Autor betont, dass die Gesellschaft Gegnerschaft zulassen muss, um Feindschaft zu verhindern. Echte demokratische Debatte erfordert, die Grenze des Sagbaren nicht zu eng zu ziehen. Um die gesellschaftliche Brüderlichkeit wiederherzustellen, müssen wir moralische Forderungen stärker von persönlichen Befindlichkeiten trennen. Nur eine Steigerung der Belastbarkeit und Gelassenheit kann verhindern, dass der Hypermoralismus, wie die Geschichte lehrt, in einen Totalitarismus führt.
Das Buch in einem Satz
Der alarmierende Schwund der gefühlten Meinungsfreiheit in Deutschland ist eine Folge der hyper-individualistischen und hyper-sensibilisierten „Axolotlisierung“ liberaler Gesellschaften, welche die Diskurskultur durch Konformitätsdruck und Hypermoralisierung in einen Angststillstand treibt.
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